Leben auf der Baustelle

Veronika Kägi und ihr Mann möchten ihren Lebensabend in einem neuen Zuhause verbringen: Das Haus und der Garten sind einfach zu gross, jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind. Sie begeben sich auf die Suche und werden auch fündig – nicht nur was ihre Vorstellungen an die Wohnqualität, sondern auch was den finanziellen Rahmen betrifft. Der Umzugstermin rückt näher, doch es ergeben sich wieder und wieder Schwierigkeiten im Neubau.


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Leben auf der Baustelle
Verlag: Herbert Utz
Erschienen: 11. September 2013
Sprache: Deutsch
Broschiert: 182 Seiten
ISBN 978-3-8316-1680-0
CHF 18.90

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Leseprobe

Die Küche stand schon fix und fertig in Bereitschaft und wartete nur darauf, in Gebrauch genommen zu werden. Das war das grosse Plus an der Wohnung; ein kleiner Wermutstropfen blieb aber doch. Wir hatten in den letzten Monaten viele Fotos vom Innenbereich und vom Aussenbau geschossen und auf jedem, auf dem die Küche zu sehen war, war erkennbar, dass unser schöner Granitstein nie geschützt wurde, zu keinem Zeitpunkt wurde er abgedeckt. Diese Nachlässigkeit hinterliess ihre Spuren: Bei genauerem Hinsehen waren nämlich feine Ritze ersichtlich. Schade. Da uns nichts anderes übrig geblieben war, hatten wir Weihnachten und Silvester noch in unserem früheren Haus gefeiert. Im neuen Jahr waren wir wieder frohen Mutes und voller Hoffnung, dass alles gut werden würde. Welch unverbesserliche Optimisten wir doch waren. Am sechsten Januar waren wir wieder auf der Baustelle und konnten es kaum glauben: Getan hatte sich über die Feiertage nicht viel. Im Grunde war das ja auch logisch, denn es hatte keine Handwerker gegeben, die Sonderschicht gearbeitet hätten. Die Farbkessel standen noch an derselben Stelle herum und die Badewanne versteckte sich immer noch in ihrer Kartonschachtel. Die Zimmer waren noch nicht gestrichen, vom Elektrischen ganz zu schweigen. Bunte Drähte, die für Schalter und Lampen vorgesehen waren, hingen aus den verschiedensten Öffnungen. Angefangen beim Treppenaufgang, an dem das Licht, die Türglocke und eine Gegensprechanlage montiert werden sollten, gab es nichts als Löcher mit Draht, die einen scheusslichen Anblick boten. Dasselbe war in der gesamten Wohnung der Fall, erst recht im Bad: Welche Tristesse blickte einem da entgegen. Weder Waschtisch noch Toilette waren angebracht. Die Wände noch nicht gestrichen. Die Dusche weder geplättelt noch das Mäuerchen verputzt. Nichts, einfach nichts. Nur der Boden war verlegt worden. Sollten wir jetzt etwa einen Freudentanz aufführen? Nein, davon waren wir weit entfernt.

Schon wieder wich unsere Freude Ernüchterung. Es war wirklich zum Heulen. Wir fühlten uns im Stich gelassen, von den Handwerkern bis zum Geschäftsführer. Das ganze Ausmass der katastrophenartigen Wohnsituation war einfach nur deprimierend. Wir wollten schnellstens die Flucht ergreifen und in unser altes Zuhause zurück. So fuhren wir geknickt davon und liessen diese Einöde hinter uns. Mein Mann meinte, wir sollten einfach nur nach vorne blicken und die nächsten Schritte überlegen. Uns kamen zum ersten Mal Zweifel darüber, ob die Firma die diversen Handwerkerrechnungen bezahlt hatte. Wir hegten auch die Vermutung, dass die Bauherren möglicherweise einen Teil des Geldes der Käuferschaft von Block eins nahmen und es statt für dessen Fertigstellung für die von Block zwei und drei verwendeten, um die Handwerker damit zu bezahlen. Weil wir aber nichts davon wissen wollten, verwarfen wir diese Mutmassungen gleich wieder. Aber war es denn verwunderlich, dass uns solche Gedanken nach den Beobachtungen auf dem ganzen Bauareal in den letzten Wochen kamen? Auch der Umstand, dass unser Haus auf dem Papier nicht mehr unseres war, trug nicht gerade zur Verbesserung unserer Stimmung bei. Ein eigenartiges Gefühl, diese Situation. Am alten Ort sollten wir einerseits so langsam, aber sicher die Segel streichen, wussten aber andererseits nicht, wohin wir sollten. Im Geiste waren wir zwar schon voll mit unserer neuen Wohnung beschäftigt, aber dort angekommen waren wir noch nicht. Wie auch? Sie fiel noch unter die Kategorie „Baustelle“. Von unserem Bekannten wurden wir immer wieder mit Informationen versorgt, da er bereits eingezogen war. Somit war er täglich am Geschehen an vorderster Front beteiligt. Wir warteten zu Hause auf eine Mail oder einen Anruf von einem der Herren und gingen dabei unseren Tätigkeiten so normal, wie es nur möglich war, nach.

Aber mit jedem Tag mehr, der ohne ein Zeichen von ihrer Seite verstrich, wurde uns klar, dass wir die Sache selber in die Hand nehmen müssten, sollte sich etwas an der jetzigen Situation ändern. Zu unserer ernüchternden Erkenntnis waren wir schon kurze Zeit nach dem hoffnungsvollen Jahresbeginn gelangt. Wenn ich beim Spazierengehen mit den Hunden unterwegs eine Bekannte traf, fragte diese stets erstaunt: „Ach, ihr seid immer noch da?“ Freunde fragten per Mail vorsichtig an, ob es nun mit dem dritten Termin geklappt hätte und wie es uns in der neuen Wohnung erginge. Nachdem wir vier Wochen nichts gehört hatten, hatten wir eine Entscheidung getroffen. Die letzte Mitteilung, einen Brief vom Geschäftsführer der Firma, hatten wir Mitte Dezember erhalten. Mitte Januar hatten wir ein Einschreiben geschickt, da wir einen Monat von den Herren nichts gehört hatten – diesmal nicht an unseren Planer, sondern an den Geschäftsführer. Wir schilderten ihm darin unsere Situation, blieben sachlich, drückten aber auch unseren Unmut darüber aus, dass uns ein solches Verhalten unverständlich war und uns in höchstem Masse verärgert hätte. Wir hielten darin auch fest, dass wir nun endgültig unser Haus verlassen müssten und selbst die Initiative ergreifen und bis zur Fertigstellung der Wohnung in ein Hotel ziehen würden. Wir äusserten ausserdem, dass wir erst in die neue Wohnung einziehen würden, wenn eine vertragsgemässe Bezugsbereitschaft gegeben wäre. Die Hunde würden wir in eine Pension geben, die Möbel vorübergehend in einem Zwischenlager einstellen lassen – alles mit Kostenfolge für die Baufirma. Wir erhielten auf diesen Brief keinerlei Antwort. Nichts, einfach nichts, es war unglaublich. Nach dem Umzug ins Hotel, der Abgabe unserer Hunde in die besagte Pension und dem Transport der Möbel ins Zwischenlager fuhren wir Ende Januar auf die Baustelle.

Im Bad stand die Wanne nun endlich an ihrem vorgesehenen Platz, allerdings schien es, dass sie auf die Schnelle hingestellt worden war, denn das Papier, das sie umgab, lag wie achtlos hingeworfen darin. Angeschlossen war sie noch nicht, wie könnte es auch anders sein? Die Farbtöpfe im Wohnzimmer hatten sich um ein Vielfaches vermehrt, sodass man wie ein Storch über diese hinweg staksen musste – das war Grund für eine wahre Turnübung. Immer noch war nichts gestrichen. Man bekam den Eindruck, dass irgendjemand von überallher die Töpfe eingesammelt und vorläufig bei uns deponiert hatte. Da standen sie nun und irgendwann einmal – der Zeitpunkt dafür stand wohl in den Sternen – würden sie auch sicher geöffnet werden. Es würde Farbe aus ihnen genommen werden, damit sie ihr Schicksal, ihr Verharren an den Wänden, erfüllen könnten. Die Frage war nur, wann? Es war zum Heulen. Wir wurden den ganzen Januar im Regen stehen gelassen, denn wir hörten weder etwas vom Planer noch vom Geschäftsführer. Ganze sechs Wochen lang – das muss man sich einmal vorstellen. Eine Mail an uns hätte sie höchstens drei Minuten gekostet. Es hätte bedeutet, sich an den Computer zu setzen, zu schreiben – im Adlersystem würde es etwas länger dauern – und den Button mit der Aufschrift „Senden“ zu drücken. Das war nun wirklich keine Hexerei, und wir wären diesbezüglich des weiteren Vorgehens in Sachen Fertigstellung und dem daraus resultierenden endgültigen Einzugstermin informiert gewesen. In der finalen Phase, beim vierten Mal, hätten sie die Karten offen auf den Tisch legen müssen. Die anfangs empfundene Enttäuschung wich einem innerlichen Schmerz und nahm uns wieder ein Stückchen Vorfreude auf unser neues Daheim.

An einem Samstagnachmittag Anfang Februar erhellte ein sich angekündigter lieber Besuch unser Hotelleben, woraufhin wir wieder Mut fassten und einen erneuten Anlauf unternahmen. Immerhin war die Fahrstrecke nur noch von kurzer Dauer. Oh, die Farbtöpfe waren verschwunden und es lagen jetzt nur noch Papier, Kabelrollen und diverses Werkzeug herum. Die Lage hatte sich kaum merklich gebessert, es ging nur schleppend und schleichend voran. Die Enttäuschung über die widrigen Umstände, die wir jedes Mal antrafen, war einem immer grösser werdenden Ärger gewichen, der sich durch einen Klumpen im Magen bemerkbar machte. Der Chef persönlich hatte uns versprochen, dass man, wenn die Badewanne erst einmal an ihrem bestimmten Platz stünde, deren Verkleidung bespräche. Was fanden wir vor? Ein paar Platten klebten um die Badewanne herum. Damit sollte wohl der Eindruck entstehen, dass wieder etwas gemacht worden war, dass es voranging – das Endresultat war dabei zweitrangig. Und das sollte unser Traumbad werden, das wir die nächsten zwanzig oder dreissig Jahre tagtäglich benützen und in dem wir uns wohlfühlen sollten? Wozu hatten wir uns mit den Besprechungen überhaupt die Mühe gemacht, wenn die Handwerker dann doch irgendetwas fabrizierten? Obwohl die Dusche bis auf die Glaswand fertig war, wurde auch hier unser vorgegebenes Muster nicht eingehalten. Hätte es uns zugesagt, hätten wir es vielleicht dabei belassen, aber es bot einen scheusslichen Anblick und war zudem nicht gut gearbeitet. Auch da wurde einfach geschlampt. Wir liessen keinen Zweifel daran, dass sie dies ändern müssten. Wie und vor allem wem teilte man das jetzt mit, wenn niemand ans Telefon ging? Oder war es etwa kaputt? Man ignorierte die ankommenden Anrufe doch nicht etwa und wollte sich auf diese Weise aus der Verantwortung stehlen? Das bedeutete, dass wir uns immer wieder Zeit nehmen mussten, um einen erneuten Versuch zu starten. Meldete sich tatsächlich einmal eine Stimme am anderen Ende der Leitung, hiess es, sich zusammenzunehmen, damit man sein Anliegen nicht allzu unhöflich hervorbrachte. Wobei einmal richtig loslegen und die Meinung zu sagen doch wohl verständlich gewesen wäre, oder etwa nicht? Aber wahrscheinlich träfe es den Falschen, so wie es ja meistens der Fall war. Mein Mann erreichte schliesslich doch den Chef selber und machte Dampf. Er blieb höflich, gab ihm aber deutlich und unmissverständlich zu verstehen, dass wir einen Pfusch nicht duldeten, und vereinbarte für den …